Abschnittsübersicht

    • Diese Story zeigt, wie regionale Potenziale bereits vor der ersten Materialentscheidung als strategische Entwurfsgrundlage genutzt werden können. Sie beleuchtet, wie Standortanalyse, lokale Lehmressourcen, der Einbezug regionaler Aushubquellen, Materialprüfung und digitale Planungstools regionale Materialien in klimaverträgliche, kreislauffähige und regenerative Bauweisen überführen und als Treiber nachhaltiger Architektur neu positionieren. Gebaute Praxisbeispiele veranschaulichen dabei die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten bereits heute.


    •   author Vorname Name 30.04.2026  

    • Luftaufnahme von Horw mit Blick auf den Vierwaldstättersee mit Bergpanorama.

      Regionale Potenziale – Luftaufnahme von Horw am Vierwaldstättersee, 2012. Quelle: ETH Zürich (E-Pics)

    • Geodaten als Entwurfswerkzeug

      Tool: Geo Admin

      Bauprozesse sind heute selten lokal organisiert. Materialien reisen über weite Distanzen, während Aushub vor Ort als Abfall behandelt wird. Doch was liegt eigentlich direkt unter unseren Füssen? Wie können wir die Potenziale eines Standorts in den Entwurf integrieren – noch vor der ersten Materialentscheidung?

      Ein erster Schritt beginnt mit der Analyse des Standorts. Auf map.geo.admin.ch lassen sich geologische Daten der Schweiz abrufen. Kartiert sind unter anderem Ziegelrohstoffe, die erste Hinweise auf Regionen mit potenziell geeigneten lehmhaltigen Böden geben, wie etwa im Schweizer Mittelland. Noch vor Projektstart lohnt sich ein erster Überblick: Gibt es in meiner Gegend Lehm? Geodaten ersetzen zwar keine Materialprüfung, erweitern den Entwurf aber um eine zusätzliche Perspektive: den Standort als Ressource.

    • Ansicht von www.map.geo.admin.ch, das geologische Daten der Schweiz zeigt. Markiert: Ziegeleirohstoffe auf Karte der Schweiz.

      Ansicht geologischer Daten der Schweiz. Markiert sind Ziegeleirohstoffe als Hinweise auf regionale Ressourcen. Quelle: geo.admin.ch

    • Vom Aushub zur Ressource

      Lokales Bauen bedeutet nicht zwangsläufig neue Abbaustellen zu erschliessen. Viele Baustellen produzieren selbst wertvolles Material. Was heute als Überschuss gilt, kann morgen Baustoff sein. Der Aushub würde normalerweise auf Deponien landen. Bei der weiteren Verwendung des Lehms werden diese direkt entlastet und Ressourcen im Kreislauf gehalten. So wird aus einem Nebenprodukt ein potenzieller Baustoff.

      Konkrete Schritte in der Entwurfsplanung können sein: lokale Aushub-Unternehmen oder Baustellen anfragen, Verfügbarkeit prüfen, Materialproben entnehmen, Zusammensetzung analysieren und die Eignung für Lehmputz, Lehmsteine, Stampf- oder Gusslehm von geeigneten Fachpersonen evaluieren lassen. Ein weiteres Potenzial liegt in regionalen Kieswerken: Beim Waschen von Sand und Kies entsteht Filterkuchen – ein mineralischer Feinanteilstrom, der bei geeigneter Zusammensetzung als Ausgangsmaterial für erdbasierte Baustoffe dienen könnte.

      Bekanntlich ist Lehm kein standardisiertes Produkt. Er besteht aus unterschiedlichen Anteilen an Ton, Schluff, Sand, Kies und Steinen. Seine Eigenschaften unterscheiden sich je nach Herkunft und Zusammensetzung – etwa hinsichtlich Körnung, Bindigkeit oder Feuchtegehalt – und bestimmen seine Einsatzmöglichkeiten.

      Prof. Dr. Uwe Teutsch (Hochschule Luzern – Technik & Architektur), Projektleiter und Mitglied der Steuerungsgruppe von «Think Earth – Regeneratives Bauen», beschreibt den Prozess der Materialprüfung als strukturierten Entscheidungsweg. Die folgende Übersicht zeigt, wie aus lokalem Rohmaterial ein einsetzbarer Baustoff wird.

    • Grafik, die den Bewertungsprozess von lokalen Ressourcen (Aushub, Kieswerken) zur Anwendung (Bau) beschreibt

      Veranschaulichung des Bewertungsprozesses lokaler Lehmressourcen. Grafik: Think Earth

    • Zunächst werden lokale Ressourcen wie Aushubmaterial aus Baugruben oder mineralische Reststoffe aus Kieswaschanlagen identifiziert und vor Ort hinsichtlich Homogenität, Korngrössenverteilung und Bindigkeit geprüft sowie einer Schadstoffanalyse unterzogen. Diese ersten Feldprüfungen dienen als erste Einschätzungen und geben Hinweise auf die Eignung des Materials für verschiedene Lehmanwendungen. Auch mineralische Nebenströme aus Kieswaschanlagen können genutzt werden, sofern die Schadstoffanalyse unbedenklich ausfällt. Dabei wird darauf geachtet, dass keine belasteten Flockungsmittel wie Mikroplastik oder Kalkhydrat eingesetzt werden.

      Nach ersten Prüfungen wird das Rohmaterial entnommen und homogenisiert. Die Materialien (Aushub, Filterkuchen etc.) werden anschliessend durch weiterführende Analysen wie Siebanalyse, Konsistenzgrenzen und Festigkeitsprüfungen genauer bewertet. Auf dieser Grundlage wird die Lehmmischung gezielt entwickelt.

      Eine geeignete Lehmmischung entsteht etwa durch die Optimierung der Korngrössenverteilung, Bindigkeit, Plastizität, des Wassergehalts sowie durch mineralische oder biogene Zuschläge. Erst darauf folgt die Auswahl der geeigneten Anwendung, beispielsweise als Stampflehm, Lehmziegel, Gusslehm, Lehmputz oder Leichtlehm.

      Dabei werden die Eigenschaften der Lehmbauteile gezielt berücksichtigt und optimiert – etwa hinsichtlich Herstellungs- und Trocknungsaufwand, Bauablauf, mechanischer Eigenschaften (Druckfestigkeit, Schwindmass, Kriechzahl, Elastizitätsmodul), bauphysikalischer Eigenschaften (Wärmespeicherkapazität, Feuchteregulation, Dämmeigenschaften, Schadstofffilterung) sowie der Witterungsbeständigkeit.

      Der Bewertungsprozess zeigt, wie regionale Ressourcen systematisch zu leistungsfähigen und kontextgerechten Baustoffen weiterentwickelt werden können.

    • «Lehm und Lehmbaustoffe können heute schon sehr vielfältig eingesetzt werden, auch in der Schweiz. Es gibt gute und immer mehr Lehmbauprodukte. Aber insbesondere in der direkten Verwendung von Aushub liegt enormes Potenzial – für uns ein zentrales Thema.»

      Christiane Löffler, Vorstandsmitglied IG Lehm, Architektin & Lehmbauerin

    • Lehmbau in der Praxis

      Verband: IG Lehm

      Dass der Einsatz von lokalem Lehm kein Zukunftsszenario ist, zeigen zahlreiche realisierte Projekte in der Schweiz. Viele davon basieren bereits heute auf Aushubmaterial und nutzen bewährte Lehmbauweisen in unterschiedlichen Massstäben und Anwendungen.

      Aktuelle Beispiele verdeutlichen diese Bandbreite:

      • Die Aufstockung Grubenstrasse in Zürich verbindet vorgefertigten Holzelementbau mit lehmverputzter Strohballendämmung.
      • K.118 in Winterthur kombiniert wiederverwendete Bauteile, Strohballenbau und Lehmputz aus lokalem Aushub.
      • Das Mehrgenerationenhaus in Altendorf setzt mehrere Lehmbauweisen in einem Holz-Lehm-Hybridbau ein.
      • Der Umbau Hüüsli in Winterthur zeigt die vielfältige Nutzung von lokalem Aushub in Böden, Putzen und Faserlehm.
      • Der Lehmkubus in Maloja transformiert einen ehemaligen Stall durch einen regionalen Stampflehmkubus aus Lehm und Kies, der Raum, Klima und Gestaltung verbindet.

      Diese Projekte verdeutlichen, dass lokale Lehmressourcen bereits heute in unterschiedlichen architektonischen, konstruktiven und klimatischen Kontexten wirksam eingesetzt werden können.

      Eine Übersicht weiterer Projekte sowie fachliche Grundlagen bietet die IG Lehm. Als Lehmbau-Fachverband bündelt sie Wissen und praktische Umsetzungserfahrung.

      Lokaler zu bauen beginnt also nicht auf der Baustelle, sondern im Entwurf. Durch Kartierung, den Dialog mit regionalen Produzenten und die systematische Bewertung von Materialeigenschaften verschiebt sich der Blick von globalen Lieferketten hin zu regionalen Kreisläufen.

    • Mehrwert des Bauens mit Lehm

      Tool: Dewbee, Ubakus

      Letztlich ist lokales Bauen mit Lehm mehr als eine Materialentscheidung. Es beeinflusst Entwurf, Konstruktion und Raumklima eines Gebäudes. So wirken etwa die massiven Lehmstein-, Stampf- oder Gusslehmbauteile als thermische Speicher: Sie nehmen in Hochtemperaturphasen Wärme auf und geben sie zeitversetzt wieder ab. In Kombination mit Nachtlüftung können sie Hitzeperioden dämpfen und die Innenraumtemperatur stabilisieren.

      Zugleich wirkt Lehm als natürlicher Feuchtepuffer. Er reguliert die Luftfeuchtigkeit, indem er überschüssige Feuchte aufnimmt und bei trockener Raumluft wieder abgibt. So entsteht ein ausgeglicheneres Innenraumklima. In Verbindung mit solarpassiven Strategien kann daraus ein robustes Low-Tech-Klimakonzept entstehen, das Komfort erhöht und hohe Kosten für technische Kühlung reduziert.

      Digitale Planungstools helfen, diese Effekte bereits im Entwurf sichtbar und vergleichbar zu machen: Mit vereinfachten Simulationen durch das webbasierte Online-Tool «Ubakus» lassen sich thermische Eigenschaften von Bauteilen sowie Aspekte wie U-Wert, Wärmebedarf und Energieverhalten abschätzen.

      Des Weiteren ermöglicht das Tool «Dewbee», ein Plugin für Rhino/Grasshopper, bereits in frühen Entwurfsphasen die Analyse hygrothermischer Eigenschaften auf Gebäudeebene, etwa hinsichtlich Wärme- und Feuchtepufferung. So wird Materialwissen zu einer fundierten Grundlage für Planungs- und Entwurfsentscheidungen.

    • Think Earth – Regeneratives Bauen

      Projekt: Think Earth

      Im Rahmen des Innosuisse-Projekts «Think Earth – Regeneratives Bauen» (2023–2028) untersuchen Wirtschafts- und Wissenschaftspartner gemeinsam, wie Holz und Lehm zu kreislauffähigen und klimaverträglichen Bauweisen beitragen können. Dabei entstehen neue Planungswerkzeuge, Materialstrategien und Fallstudien für regeneratives Bauen in der Schweiz. Gleichzeitig fördert das Projekt einen Perspektivwechsel: Regionale Potenziale sollen bereits im Entwurf erkannt, bewertet und wo möglich gezielt in nachhaltige Bauprozesse integriert werden.

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